Für Herrn Pelocorto
Zürich, 1858.
Lydia Welti-Escher erblickt das Licht der Welt. Sechs Jahre später stirbt ihre Mutter und sie wird fortan von ihrem Vater, dem Industriellen und Politiker Alfred Escher, aufgezogen, welchem wir Credit Suisse, Swiss Life, ETH ZH und den Gotthard zu verdanken haben. Die
eigenwillige, intelligente Tochter geht ihrem Vater bei dessen Geschäften bald als kluge Beraterin zur Hand. Denn eines ist klar: Lydia Escher gab sich nicht mit der pas-
siven Rolle zufrieden, die den
Damen aus besserer Gesellschaft damals vorgezeichnet war. So geht sie hart ins Gericht mit der eidgenössischen Mädchenerziehung: Junge Frauen würden nicht zu eigenständigen Persönlichkeiten erzogen, sondern zu einer
auf den ersten, besten Käufer wartenden Ware erniedrigt. Mit wenigen Ausnahmen wünschten sich Schweizer Männer Frauen mit
ansehnlichem Vermögen, gepaart mit
grösster Anspruchslosigkeit.
Feinere Bildung sei bei Frauen unerwünscht, ja werde geradezu als
Criminalverbrechen betrachtet.
Lydias Entwurf einer selbstständigen Frauenrolle zerbricht aber am allgegenwärtigen
gesellschaftlichen Zwang zur Heirat. Es ist daher nicht erstaunlich, dass sie im Alter von 25 Jahren den Sohn eines einflussreichen Freundes ihres Vaters heiratet: Bundesrat Emil Welti. Noch weniger erstaunlich ist allerdings, dass sich Lydia alsbald Hals über Kopf in den
Trubschacher Kunstmaler Karl Stauffer verliebt, als dessen Mäzen Alfred Escher amtet.
Lydia und Karl begehen in Italien
«Ehebruch» (
neudt. ficken). Gatte und Schwiegervater finden das gar nicht lustig und erklären Lydia unter tatkräftiger Hilfe des Schweizer Gesandten in Rom für geisteskrank. Sie landet im
Irrenhaus, der Künstler im
Gefängnis. Das Vorhaben scheitert kläglich an der Aufrichtigkeit zweier italienischer Gutachter, die der Schweizerin nicht nur geistige Gesundheit, sondern auch
grosse Festigkeit und einen edlen Charakter bescheinigen.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis begeht Stauffer Suizid durch eine Überdosis Medikamente. Lydia lässt sich scheiden, findet den Ex-Gatten mit einer hübschen Summe ab, zieht sich allein in eine Villa bei Genf zurück, wo sie 1891
den Gashahn aufdreht.
Joseph Jung (Hrsg.): Lydia Welti-Escher. Ein gesellschaftspolitisches Drama. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2008. 454 Seiten, 250 Abb. Fr. 48.–. Der Bund